Wenn Arbeitskräfte knapp werden – Strategien aus der Sicht einer Unternehmerin


Redemanuskript von Marie-Luise Schwarz-Schilling zur Tagung: 30 Jahre Deutscher Verband der Projektmanager 26.04.14

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Wenn ich mich hier bei Ihnen so umsehe, sitzen hier viele Babyboomer geboren um 1960 + -. Es ist diese Generation, mit der das Knappheitsproblem, von dem hier die Rede ist, seinen Anfang nimmt. Es ist diese Alterskohorte, die nur noch halb so viele Kinder aufzog, wie in ihrem eigenen Geburtsjahr geboren wurden

1960: 1,270 Mio. Geburten – etwa 50 Jahre später

2012: 670.000     „

Ein so rasanter Absturz bleibt nicht ohne Folgen.

Nur eine Zahl will ich noch nennen: heute, 2014 sind noch 55% der Einwohner arbeitsfähig, in nur 15 Jahren werden es nur noch 47% sein. Und dann wird es eng. Sie erleben das noch.

Der Clou ist: ich habe das (den Arbeitskräftemangel) schon einmal erlebt in den 60er Jahren, und weiß, was auf sie zukommt.

Für unser Unternehmen in der Nähe von Frankfurt hatten wir erst die Flüchtlinge aus dem Sudetenland als segensreiche Quelle – dann fuhren wir mit Bussen durch die Wetterau und die Rhön. Schließlich fuhr eine Gruppe nach Spanien und wir hatten Glück. Die Spanier sind heute noch da – sie konnten ja heiraten. Das können die Türken bis heute nicht. Für sie sind das Märchengeschichten – für mich war das harte Wirklichkeit.

Die Folgen des Arbeitskräftemangels für die Arbeitsmoral, die Produktivität und die Bilanzen sind drastisch. Nur an einer Zahl will ich das festmachen: Bei uns gab es in der schlimmsten Zeit  von 25 Krankentagen pro Mann und Jahr. Heute sollen es laut amtlicher Statistik  9 Krankentage bei der Gesamtheit der Versicherten sein. Ich glaube das allerdings nicht. Aber dann, aber dann las ich eine Zahl  vor ein paar Tagten in der Zeitung: bei Altenpflegern lagen die Krankentage 2013 auch bei 25 Arbeitstagen. Ein Menetekel an der Wand!

Was soll der Staat tun? Mehr Einwanderung erlauben? Wir haben in Deutschland und Europa eine Wagenburgmentalität, deshalb sind die Bücher von Sarrazin Nr 1 auf der Spiegelbestsellerliste. Eine kluge Einwanderungspolitik a la Canada bringen wir einfach nicht zustande.

Aber wo sind überhaupt noch Reserven? 2 Mio Polen haben wir uns nach der Wende entgehen lassen. Heute kommen nur noch Rumänen oder Bulgaren, vielleicht einige aus Bosnien, und dann ist Schluss in den Europa-nahen Gebieten. Ich sehe bald den Tag kommen, an dem wir Afrikaner als Krankenpfleger einladen werden.

Ich sehe noch eine Reserve: Frauen. Gut ausgebildete Frauen, die nach den Kindern höchstens noch Teilzeit arbeiten. Es sind Frauen, die sich selbst in jungen Jahren an die Fächer Mathematik, Naturwissenschaften, Ingenieurwesen nicht herantrauten. Ich selbst saß kurz vor dem Abitur an meinem Schreibtisch und träumte davon, Astronomie  zu studieren. Aber dann sagte ich mir: Der Conrad ist so viel besser in Mathe, das schaffst du nie! Und dann bekam ich eine 1 im Abi!

Heute erlebe ich mit  Vergnügen, dass meine Enkelin gerade ihre Magisterarbeit in Physik an der TU Berlin schreibt.

Woher kommt diese weibliche Zaghaftigkeit? Sehr einfach: 5000 Jahre bestand für alles High-Tec eine 100 Prozent Männerquote. (Hebammen, Hexen)Wer etwas vom Belohnungssystem des Gehirns kennt, weiß, dass das kollektive  Urteil: „high-tec ist nichts für dich!“ über 250 Generationen hinweg einen Züchtungsprozess ausgelöst hat, der erst sehr langsam verschwinden wird.

Wie kann man Frauen aus der Zaghaftigkeitsfalle herauslocken?

Hierzu müssen wir einen kurzen Exkurs über die wichtigsten Mentalitätsunterschiede zwischen Männern und Frauen machen

Männer sind sehr viel häufiger wettbewerbsorientiert und statusversessen. Aber sie haben auch gelernt, einem Führer Gefolgschaft zu leisten. Seit der Bronzezeit sorgten Patriarchen dafür, dass der Wettbewerb nicht ausartete und das Interesse am Wir erhalten blieb. (Hierarchien auch, siehe Japan)

Im Verlauf der letzten Jahrzehnte wurde aus der Bindung über ein Ziel oder über einen Patriarchen, allmählich ein strategischer Ich-Kampf, den ich auch mit dem Verlust der Vater-Autorität verknüpft sehe. In Deutschland wurde dieser Prozess durch die Entlarvung der Nazi-Väter begünstigt. Überspitzt gesagt: Rudi Dutschke verjagte die väterliche Autorität – und damit eine Facette des Männlichen – aus dem öffentlichen Bewusstsein. Der Wir-Kampf oder der Kampf um ein Produkt, eine Aufgabe, um einer „Sache“ oder einer Idee willen, ist seltener geworden.

Fazit: Männer kicken auf dem Weg zum Sieg den Konkurrenten aus dem Weg – Frauen möchten häufiger gemeinsam mit der Konkurrentin siegen: Der wichtigste Unterschied zwischen den Geschlechtern liegt für mich in der Häufigkeitsverteilung dieser  emotionalen Handlungsbereitschaft.

Frauen machen bei diesem Wettbewerbsgetümmel ungern mit. Sie haben ein geringeres Selbstwertgefühl wie gleichaltrige Jungen. Das geht schon bei Bewerbungsgesprächen los, bei denen sie nicht mit ihrer Butterseite prahlen. Es gibt über all dies lustige Bücher, eins heißt Das Arroganzprinzip von Peter Modler Frankfurt 2012; ein anderes ist von Anonyma, Ganz oben, H C Beck Verlag

Hinzu kommt, dass bei Frauen ein hartes Karriereverhalten zur Beendigung der Lebensgemeinschaft führen kann.

Erst kürzlich wurde festgestellt, dass der Berufserfolg der Lebenspartnerin dem Mann einen depressiven Schub versetzt.

Wie kommt ein Unternehmer also an die deutsche Reserve?

Bei allen Programmen, die es ja zahlreich am Beratermarkt gibt, (und ich empfehle Gruppentraining  und Coachen) beachten, dass Frauen eine geringere Zuversicht in die eigene Leistungsfähigkeit haben und deshalb mehr  Ermutigung brauchen. Frauen waren schon immer eher auf die Gruppe angewiesen als Männer, die zu Einzelkämpfer erzogen wurden.

Männer renomieren und sticheln untereinander auch in der Teeküche – das wetzt mein Gehirn sagt mein Enkel. In der Frauengruppe ist Angeben verpönt.

Wenn man einer Frau zu oft über den Mund fährt, schaltet sie ab. Eine Überdurchschnittliche kämpft zurück aber hier geht es darum, normale Frauen nach der Kinderpause anzuwerben.

Das Klima, in dem man weiblichen Teammitgliedern begegnet, wird ganz oben erzeugt. Entscheidend ist, wie der Boss sich verhält, nicht welche Programme er verkündet.

Auch Männer wollen Wertschätzung.“Die Bereitschaft für Kohle zu arbeiten sinkt“. Wertschätzung heißt: Gesehen werden!

Frauen sind nicht „besser“ oder altruistischer als Männer. Ihre Ego-Signale sind auf Grund der historischen Erfahrung verschieden. Sie kämpfen seit 5000 Jahren mit den Waffen der Besiegten. Der weibliche Blick richtet sich häufiger von unten nach oben, der männliche von oben nach unten. Das sieht der aufmerksame Beobachter  auf jeder Party oder jedem Geschäftstreffen.

All dies und noch vieles andere haben Strategen der Arbeits-Psychologie längst herausgefunden. Ich überlasse es Ihnen, davon zu lernen, wenn es nötig wird.

Der allgemeine Punkt ist: in der heutigen Situation ist die stärker Wir-betonte Neigung der Frauen ein  nützliches Gegengewicht zum Ich-Kampf. Wir wissen nicht, ob diese Neigung erhalten bleibt, aber solange sie da ist, sollten wir sie nutzen. Patriarchen kriegen wir nicht wieder.

(Es geht bei meiner Strategie darum, das Andere  am Arbeitsmarkt zu beachten, das sind Frauen aber genauso Migranten.) Zu akzeptieren, dass Andere es etwas anders brauchen, wenn sie eine gute Leistung bringen sollen, ist ungeheuer schwer. Ich male mir da nichts schön. Der Widerstand im männlichen Gehirn ist riesengroß.

Aber: Not ist der beste Lehrmeister.

Und die Not wird Sie zwingen darüber nachzudenken, mit welchen Strategien Sie in Deutschland die verborgenen Reserven aufwecken können.