Leseprobe 3: Wettbewerb und Fortschritt


Salome: Andere glücklich machen ist schwierig. Vorhin hat Helena gesagt, Glück sei die Stille, das selbstvergessene Hingegeben Sein an ein Tun. Das stimmt, das erlebe ich beim Üben. Aber Freude ist auch ganz schlicht Freude am Zusammensein  und am Sich-zutraulich-fühlen.

Helena: Wir werfen hier Glück und Freude immer wieder durcheinander. Die Frage ist: Empfinden wir Freude am Glück, das uns zustößt? Sehr oft genießen wir unser Glück nicht, wir sind eilig und ehrgeizig. Ich vermute, die Fähigkeit, Freude zu empfinden, wächst, wenn der Mensch weniger verbissen nach Glück strebt und wenn er Dankbarkeit fühlt. Freude ist eine Gestimmtheit, die wachsen kann, allerdings auch verfallen, wie man an Depressionen sieht.

Das Männliche will Glück – Das Weibliche will Freude

Balthasar grinst:  Und ihr glaubt  tatsächlich,  es sind vor allem Männer die dem Glück hinterher  rennen, diese armen freudlosen Kerle, gefangen im Hamsterrad, aus dem ihr Frauen sie befreien müsst?

Helena  wirft  Balthasar einen listigen Blick zu: Ja, genau das. Nicht befreien, aber rauslocken. Es ist schwierig. Viele Frauen stecken ja selbst im Hamsterrad, sie nörgeln und jammern unentwegt. Auch Frauen müssen Freude lernen, das sehe ich an mir. Auf der anderen Seite gibt es hier und da Männer, die sich gern und oft freuen können. Jeder ist seines Glückes Schmied! Diese moderne Version des selbst geschmiedeten Glücks will ich nicht gegen die Freude ausspielen. Nur eines ist zu beachten: Glück wird sehr leicht in der Unabhängigkeit gesucht, Freude will teilen und mitteilen und braucht den Anderen … Glück kann zwar Verbundenheit herbeiführen – aber nur kurzfristig, denken wir an den Mauerfall.  Freude sucht Verbundenheit fast immer.

Alexander: Bei mir entsteht Freude aber auch ohne Teilen – wenn ich in meinem Segelboot sitze oder Klavier spiele. Und was meinst du eigentlich mit Verbundenheit?

Helena: Man kann es abstrakt ausdrücken wie Kant, der sagte: „Die Schönen Dinge zeigen an, daß der Mensch in die Welt passe.“ (Anmerkung: Gesammelte Schriften, Akademieausgabe 1916, Band 16, 127) Dass der Mensch in die Welt passe, ist ein Fakt aber auch eine metaphysische Spekulation. Jeder wird das anders deuten. Für mich bedeutet es, dass ich in manchen Momenten erlebe, dass ich mit dem Ausschnitt der Welt, in dem ich lebe und den Menschen darin, verbunden bin. Das ist ein Gefühl und ein Gedanke und bedeutet auch, dass ich zuständig bin.

Balthasar: Das klingt mir sehr schrill im Ohr. Ich will keineswegs für alle zuständig sein. Und dass ich in die Welt passe, bezweifle ich.
Helena: Klar passt du – du klingst oft wie der Zeitgeist persönlich!

Lug: Hat einer von euch eine Idee, wie wir die Jagd nach Glück vom Ich-Kampf wieder stärker zum Wir-Kampf umlenken sollten? Was können  Frauen dazu realistischerweise beitragen?

Dies ist eine Leseprobe aus dem Buch „Kampfplatz Liebe“ von Marie-Luise Schwarz-Schilling.