Leseprobe 1: Als Frau geboren oder zur Frau gemacht?


Anselm Feuerbach: Das Gastmahl des Platon. Ein Gespräch über die Liebe.

Anselm Feuerbach: Das Gastmahl des Platon. Ein Gespräch über die Liebe 400 v.Chr.

Wird man als Frau geboren oder wird man zur Frau gemacht?

Simone de Beauvoir hat hierzu 1949 als Erste mit Nachdruck eine Aussage in die öffentliche Arena geschleudert – ‚On ne naît pas femme – on le devient‘, das heißt: ‚Man wird nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht.‘ Es war der Mann, der der Frau die Rolle des ‚Zweiten Geschlechts‘ zugewiesen hat und sie damit als Abhängige definierte.

Mit den Schlagworten ‚angeboren‘ oder ‚erworben‘ wird ein heikler philosophischer Punkt berührt. Er geht über die Frage männlich/weiblich weit hinaus. Wenn eine Eigenschaft für angeboren erklärt werden kann, ist keiner für ihr Ent-stehen verantwortlich – höchstens Gott oder die Evolution. Dies macht die an Genen orientierte Verhaltensforschung sehr anziehend: Ursachen-und Schuldfragen werden auf eine neutrale Instanz verlagert.

Umweltorientierte Theorien dagegen hinterlassen oft einen bangen Nachgeschmack – keineswegs nur beim Thema Mann/Frau, sondern auch bei Homosexualität, Gewaltbereitschaft, Drogensucht, Depression bei Kindern oder Freunden. ‚Was hab ich falsch gemacht?‘, fragen sich Mütter oder Väter. Diese Begleitgefühle machen Umwelttheorien unangenehm, weil sie nach Verantwortung fragen.
Der psychologische Mechanismus – nicht ich, die Gene sind schuld – muss in seiner ganzen Tragweite verstanden werden, weil er das Feld männlich/weiblicher Eigenschaftsuntersuchungen auch in der Wissenschaft beherrscht.

Eben diese Wissenschaft hat allerdings vor einiger Zeit entdeckt, dass erstens  Gene durch die Umwelt beeinflusst werden, und zweitens auch erworbene Eigenschaften an die Nachkommen vererbt werden. (siehe Traumaforschung) Beides  verleitet mich zu der Hypothese, dass viele der als typisch männlich oder weiblich geltenden Verhaltensneigungen das Ergebnis von Züchtungen sind.

Züchtung bedeutet eine bewusste Auswahl und Kreuzung zweier Individuen mit erwünschten Eigenschaften. Dies gilt für Pflanzen und Tiere, beim Menschen ist das verboten. Tatsächlich findet Züchtung – allerdings ohne bewussten Züchter – in jeder Kultur statt. Ein Vehikel ist die Partnerwahl, das andere das Belohnungssystem des Gehirns. Gene, die dem Ideal der jeweiligen Kultur entsprechen, werden häufiger ‚angedreht‘.

Dies ist eine Leseprobe aus dem Buch „Kampfplatz Liebe“ von Marie-Luise Schwarz-Schilling.