Leseprobe 4: Sexualität und Verantwortung


Helena: Wo fliegen eurer Meinung nach im Privatleben die meisten Fetzen in der Kampfzone?

Lug: Beim Abkühlen des erotischen Begehrens, bei Scheidung oder Trennung, da knallt es wirk­lich. Und das Schlimme ist: Der Kampf geht nach der Scheidung weiter. Heute werden die Kinder an Wochenenden säuberlich geteilt und dabei wird der Charakter des abwesenden El­ternteils mit Nebensätzen vergiftet. Die Väter bleiben oft Fremde. Bei mir war das so ähnlich. Bei vielen wird das erst recht akut, wenn der Va­ter eine neue Freundin nimmt und die Mutter ei­nen neuen Freund.

Helena: Das Vertrauen in den Vater und damit in die Väter-Welt wird unsicher. Bei Söhnen können das Mütter nur teilweise ersetzen.

Balthasar: Na ja, sie werden trotzdem groß, sieht man ja an Lug! Bei mir waren die Sitten ar­tig und bürgerlich. Verlogenes Getue, ich habe es gehasst.

Alexander: Aus der Sicht der Männer ruinieren heute meistens Kinder die Beziehung. Ich achte genau darauf, dass mir nicht passiert, was ich bei Kollegen erlebe: eine Freundin, die schwan­ger wird. Oft geht die Freundschaft dann zu En­de. Der Mann will schließlich wieder Mittelpunkt im Haus sein.

Helena: Kinder waren noch vor Kurzem begehr­te Arbeitskräfte in Haus und Hof – heute sind die Eltern Diener der Kinder. Das hat auch eine ver­rückte Seite, denke ich manchmal.

Balthasar: Vergessen wir ja nicht die Bedeu­tung des Fremdgehens als Tummelplatz in der Kampfzone. Besitzdenken, Eifersucht, dein Pimmel gehört mir, da läuft einiges ab. Und natürlich Sex überhaupt, da passt nichts zusammen. Schoß und Gemächte sind der Nährboden des Geschlechterkonflikts!

Helena: Ja, dazu gehört die oft geäußerte Vermutung, das sexuelle Begehren sei bei Männern größer als bei Frauen. Deshalb seien Zugeständnisse bei Seitensprüngen nötig .Für den Ursprung dieses Phänomens gibt es zwei unterschiedliche Theorien. Die erste sagt: Das hefti­gere und häufigere sexuelle Begehren des Man­nes sei genetisch durch das Testosteron bedingt. „Männer haben auf der ganzen Welt ein Sexdefi­zit – Männer jeden Alters hätten grundsätzlich gerne mehr Sex, als sie bekommen“, behauptet Catherine Hakim.

Die zweite Theorie sagt: Seit Jungfräulichkeit eine Vorbedingung für die Heiratsfähigkeit war und weiblicher Ehebruch mit Steinigung bestraft wurde, haben Frauen ihr Begehren eingeschränkt, weil es lebensgefährliche Folgen hatte. Daraus entstand im Verlauf vieler Generationen ein messbar weniger häufiges Interesse an Sex als bei Männern. Diese Theorie halte ich für wahrschein­licher.

Der Zusammenhang von Sexualität und Verantwortung wurde vor fünftausend Jahren mit der Ehe gesetzlich begründet und hat sich in den letzten 50 Jahren abgeschwächt. Er ist noch da, aber nicht mehr selbstverständlich dominant. Der Beischlaf begründet heute seltener gegenseitige Zuständigkeit. Hilfe und Beistand werden oft als Last emp­funden. Partnerwechsel ist häufig, aber genauso ist es das Alleinleben. Das markanteste Ergebnis ist die zunehmende Zahl der Singles.

Dies ist eine Leseprobe aus dem Buch „Gleichrangig: Wie hält die Zweisamkeit das aus?“ von Marie-Luise Schwarz-Schilling.