Presse


Aus dem Pressecho zum Buch „Die Ehe: Seitensprung der Geschichte“:

 

Merkur Spezial: Die Ehe – ein Auslaufmodell?
Fragen an Marie-Luise Schwarz-Schilling
„Liebe allein ist eine schwache Basis“

RHEINISCHER MERKUR: Die Ehe, so schreiben Sie, hat viel mit der Macht des Mannes über die Frau zu tun. Warum sollten zwei Menschen überhaupt heiraten?

MARIE-LUISE SCHWARZ-SCHILLING: Die Ehe entstand zu einer Zeit, als Unterordnung wichtig war: nicht nur zwischen Frauen und Männern, sondern auch von Mann zu Mann. Diese gesellschaftlichen Verhältnisse sind weggebrochen, aber nach wie vor stellen Frauen, gerade wenn sie Kinder haben, in der Ehe ihre Interessen zurück.

Die entscheidende Frage für die Zukunft der Ehe ist, ob sie sich in eine gleichberechtigte Partnerschaft verwandeln lässt. Das Bedürfnis nach Nähe und Dauerhaftigkeit ist ja da, irgendeine Zugehörigkeit braucht der Mensch. Das war früher die Sippe, die nicht auf Liebe basierte, heute ist es die Ehe, die ausschließlich auf Liebe basiert. Man darf bei allen Scheidungszahlen nicht vergessen: Obwohl die Ehe keine Vorteile fürs gesellschaftliche Ansehen mehr bringt, bleibt mindestens die Hälfte der Paare zusammen.

Ist Liebe allein eine zu schwache Basis für eine lebenslange Beziehung?

Ja. Liebe ist im Vergleich zu den Machtkonstellationen und Konventionen früherer Zeiten eine schwache Basis. Zumal sie heute immer mit Erotik gekoppelt ist und erotische Anziehung nun einmal meistens nicht ein Leben lang hält. Treue, Zuneigung und gemeinsame Interessen sind eine stabilere Basis.

Außerdem: Was spricht gegen ein Vernunftbündnis auf Zeit, wenn die Liebe zerbrochen, aber ein Kind da ist? Wenn sich die Eltern wenigstens für fünf Jahre verpflichten zusammenzu- bleiben, ist das immer noch besser, als wenn ein Kind bei nur einem Elternteil aufwächst.

Die steigende Scheidungsrate wird, gerade in konservativen Kreisen, gern mit der Emanzipation der Frau in Verbindung gebracht. Sie aber meinen, ganz im Gegenteil seien Frauen noch gar nicht emanzipiert genug. Warum?

Frauen sind weder im Berufsleben noch in der Familie gleichwertig. Kinder schaden der Karriere, und sobald eine Frau Mutter wird, übernimmt sie den allergrößten Teil der Hausarbeit. Das gilt auch für Ehen, in denen sich beide die Hausarbeit vorher geteilt haben. Nur in der Politik haben Frauen einigermaßen gleiche Aufstiegschancen.

Ich selbst bin Mitglied der CDU und muss sagen, dass meine Partei es zu lange versäumt hat, das Thema Gleichwertigkeit ernsthaft anzugehen.

Plakativ könnte man sagen: Kinderbetreuungseinrichtungen stabilisieren die Ehe.

So einfach ist es dann doch nicht. Aber: Kindererziehung wurde zu lange als minderwertig angesehen, nicht in Worten, aber in Taten. Bessere Kinderbetreuungseinrichtungen sind kein Allheilmittel, aber eine sehr wichtige Maßnahme. Sie mindern die Unzufriedenheit der Frau. Eine zufriedenere Frau ist immer auch eine bessere Ehefrau und Mutter.

Sie selbst sind 47 Jahre mit demselben Mann verheiratet. Was haben Sie besser gemacht als andere?

Wir haben uns von Anfang an sehr gut verstanden, wir hatten ähnliche Voraussetzungen in der Familie, wir haben zusammengearbeitet. Und mein Mann hat mich und meine Interessen nie als minderwertig betrachtet.

Marie-Luise Schwarz-Schilling ist Unternehmerin und Autorin. Die Fragen stellte Christiane Florin.

Literatur:

  • Marie-Luise Schwarz-Schilling: Die Ehe. Seitensprung der Geschichte. Axel Dielmann Verlag, Frankfurt 2004. 336 Seiten, 16 EUR.
  • Marie-Luise Schwarz-Schilling: Kaufmann und Schamane. Seewald: Stuttgart, 1984.

© Rheinischer Merkur Nr. 51, 16.12.2004


 

Berliner Tagesspiegel, 17. November 2004 / Nr. 18 661
„In der Sippe lebten die Frauen freier“

Die Ehe – nur ein Seitensprung der Geschichte?
Ein Gespräch mit Marie-Luise Schwarz-Schilling

Die Ehe, so schreiben Sie in Ihrem Buch, sei nur ein „Seitensprung der Geschichte“, eine kurze Episode in der Menschheitsentwicklung. Warum?

Die Ehe entstand vor rund fünftausend Jahren – die Menschheitsgeschichte aber umfasst schätzungsweise 100.000 Jahre. Die längste Zeit hindurch lebten die Menschen in Sippen, in Gruppen von Blutsverwandten: die Ahnin mit ihren Geschwistern und Kindern. Sex hatten die Frauen mit Männern aus anderen Sippen, die zu Besuch kamen. Die Kinder wurden in die Sippe hineingeboren, ihre leiblichen Väter gingen wieder in ihre Ausgangssippe zurück – oder zeitweise in die rein männliche Jagdbande. Die soziale Beziehung, die die Sippe zusammenhielt, war die zwischen Mutter und Kind – nicht die zwischen Mann und Frau.

Dieses Leben war für die Frauen freier?

Ja. Mütter herrschten über Töchter und Söhne, die Brüder waren nicht die Chefs der Sippe. Das gilt insbesondere für die Jungsteinzeit, die Zeit zwischen 8000 und 3000 vor Christus, in der der Ackerbau begann. Damals gewannen die Frauen ein Übergewicht, da sie es waren, die den Ackerbau zunächst betrieben, während die Männer auf die Jagd gingen.

Woher wollen wir wissen, wie die Sippen lebten?

Einiges kann man aus Sagen herauskristallisieren, anderes aus Funden von Knochen oder Kultstätten. Ich habe selbst keine Grundlagenforschung betrieben, sondern berufe mich auf die Arbeiten von Anthropologen wie Gerda Lerner, Heide Göttner-Abendroth, Marja Gimbutas, James Mellaart, Robert Briffaut, Robert von Ranke-Graves. Letztlich können wir nicht sicher wissen, wie es vor 10000 Jahren war. Wir finden aber Anhaltspunkte bei Völkern, die heute noch in einer Sippenstruktur leben, wie etwa die Irokesen oder die Mosuo in Südchina.

Häufig gibt es ja die Vorstellung, die Frauen in der Steinzeit wären den Männern schutzlos ausgeliefert gewesen – oder hätten allesamt dem Alpha-Mann zur Verfügung gestanden. Die Ehe wäre demnach ein Schutz für die einzelne Frau gewesen.

Das ist unwahrscheinlich. Die Frauensippe wurde von den Brüdern beschützt. Wenn die auf der Jagd waren, mussten sich die Frauen selbst verteidigen. Ehemänner wären auch kein besserer Schutz gewesen – Männer waren ja oft weg.

Wann finden wir die ersten juristischen Zeugnisse der Ehe – und wie sehen sie aus?

Ein markantes Zeugnis ist der Kodex Hammurabi aus Babylonien aus der Zeit um 1750 vor Christus. Darin sind bereits die Grundzüge der patriarchalen Ehe erkennbar: Der Mann wählt die Frau; will er sich scheiden lassen, reicht ein Scheidebrief. Sie dagegen kann sich nicht scheiden lassen, sondern riskiert bei einem Ehebruch sogar ihr Leben. Da die Kinder nun als Eigentum des Vaters galten, wurde es wichtig, die Sexualität der Frau zu überwachen – was in der Sippe gar keine Rolle gespielt hatte. Durch die Ehe wurden die Frauen Eigentum der Männer, sexuelles Eigentum. Die Frau wurde entwertet, weil, das ist das Neue an der Ehe, jetzt plötzlich der Sex zur Grundlage der kleinsten Einheit der Gesellschaft wurde, nicht mehr die Verbindung zwischen Mutter und Kind. Diese Grundstruktur der patriarchalen Ehe hat sich in Deutschland bis 1950 gehalten.

Wie kam es zur Machtverschiebung zwischen Männern und Frauen?

Viele Unterschiede sind kulturell bedingt, etwa die Vorliebe vieler Frauen für mächtige Männer: Schließlich hing vom Ansehen der Ehemänner über Jahrhunderte auch ihr Ansehen ab. Sicher gibt es biologische Unterschiede; aber sie brauchen das Verstehen nicht zu lähmen. Die Gemeinsamkeiten sind größer. Warum wieder so viel von biologischen Unterschieden geredet wird? Wir erleben auch auf anderen Feldern, dass immer mehr mit Biologie und Neurobiologie argumentiert wird, statt mit Politik. Hinzu kommt, dass nach Trost gesucht wird, warum Ehen zerbrechen. Da ist es ein fabelhaftes Argument: Männer und Frauen sind zu unterschiedlich, sie können sich nicht verstehen.

Hat die Ehe Zukunft?

[…] Wenn sie eine ebenbürtige Partnerschaft zulässt, ja. Ich habe begonnen, für dieses Buch zu recherchieren, als ich sah, wie in meinem Umfeld viele Ehen scheiterten. Meiner Ansicht nach hat dieses Scheitern viel mit der Geschichte der Ehe und den daraus folgenden Prägungen zu tun. Aber die Ehe steht heute in Konkurrenz mit anderen Lebensformen, und das ist gut so. Für manche Frauen, die Kinder haben möchten und keinen Mann dafür finden, wäre es vielleicht ratsam, sich mit anderen Frauen zusammenzutun …

Eine Rückkehr zur Sippe?

Ja – warum nicht? Das ist doch besser als allein zu erziehen.

Das Gespräch führte Elisabeth Mortier.

 

Weiteres Echo / Veranstaltungen mit Marie-Luise Schwarz-Schilling

http://www.salonkultur.de/termine/archive/14-03-12/Marie-Luise_Schwarz-Schilling/termin/322/

http://www.dw.de/menschen-bei-maischberger-talkshow-2010-03-31/e-5343266-9800

http://www.coaching-spirale.com/files/cosp/download/Presseartikel/Portrait%20Kurs%20Kontakte%20Mutter%20und%20Tochter%2003_2008.pdf