Leseprobe 3: Leidenschaft ist Suche nach dem Fremden


Bisondarstellung in der Höhle Marsoulas.

Bisondarstellung in der Höhle Marsoulas.

Ähnlichkeit und Fremdheit haben für die Partnerbeziehung eine antagonistische Spannung. Die Ehe oder Partnerbindung als Suche nach Verwandten ist der eine Pol, den wir gerade beschrieben haben. Der andere Pol der Paarbeziehung ist die Suche nach dem oder der Fremden. Die Suche nach dem Fremden ist mit der Lust verknüpft, die Suche nach dem Ähnlichen mit dem Vertrauen. Diese widersprüchlichen Gefühlsmuster haben eine lange Geschichte. Nicht die sexuelle Anziehung selbst, aber deren Stellenwert in der sozialen Ordnung verschob die Gewichte zwischen Lust und Vertrauen.

In der Sippenzeit war der Beischlaf mit dem Fremden erlaubt und geboten. Die Beziehung diente der Lust und der Fortpflanzung, aber nicht einer ehelichen Gemeinschaftsgründung. Der patriarchalische Feudalismus warf dieses Muster radikal über den Haufen. Die Paarbindung diente jetzt der Neugründung einer Gemeinschaft, genannt Familie, der Inbesitznahme und Unterordnung der Ehefrau sowie dynastischen und materiellen Interessen. Die Ähnlichkeit der Herkunft war erwünscht, manchmal Bedingung. Nicht Sex, sondern Nachkommen waren das Ziel der Ehe. Sinnliche Lust wurde minderwertig. Natürlich gab es Lust und Leidenschaft und sinnliches Vergnügen auch in der Zeit des Feudalismus, allerdings selten innerhalb der Ehe, sondern mit Dienerinnen, Bäckerstöchtern oder Mätressen. Lust und Leidenschaft konzentrierten sich also in dieser sehr langen Periode von etwa drei- bis viertausend Jahren auf Fremde, nämlich auf die Frau aus dem Volk, die nicht zur Feudalschicht gehörte. Die Ehe blieb den Ähnlichen, Standesgemäßen vorbehalten und war nicht immer, aber oft lust- und leidenschaftslos.

Die Erfindung der Liebesehe warf das Muster der Paarbindung um, und zwar sowohl das Muster der Sippe als auch das der feudalen Ehe. Jetzt sollten Lust und Leidenschaft, die sich während des Feudalismus mit dem Fremden oder der Fremden entfaltet hatten, zur inneren Grundlage der Ehe werden. Das Ideal der Liebesehe – sexuelles Vergnügen und Herzensfreundschaft sind auf alle Zeit vereint – konnte während des bürgerlichen Patriarchats in der Realität noch einmal unterlaufen werden. Die gesellschaftlich erwünschte Frigidität der Bürgersfrauen ließ das Liebesspiel mit den „Bäckerstöchtern“, also den Fremden, im 19. Jahrhundert und zu Beginn des zwanzigsten munter weitergehen.

Erst die Demokratisierung und Frauenbefreiung, die nach dem zweiten Weltkrieg in Gesetzen konkretisiert wurde, stellten die Liebesehe wirklich auf die Probe. Dies ist kaum fünfzig Jahre her. Seitdem wurde die Ehe instabil. Die Scheidungszahlen wachsen, und die öffentliche Meinung hat sich angepasst: Mehr als die Hälfte aller Deutschen glaubt nicht, dass die Ehe eine Bindung auf Lebenszeit sei.

So wie zur Minnezeit die Körperlust ein (heimliches) Anhängsel der Seelenliebe war, ist heute die Seelenliebe ein Anhängsel der Körperlust. Liebe, das wird schon kommen, wenn wir nur lange genug genussvoll miteinander schlafen! Das Muster der Liebesehe verlangt, dass Mann und Frau nicht nur Lebenspartner, sondern auch die einzigen Sexualpartner sein sollen. Dies ist ein anspruchsvolles und ein in der Geschichte bisher einmaliges Ideal. Im Alltag zeigt sich zur Betrübnis der Beteiligten, dass der Verschmelzungszustand zeitlich begrenzt ist. Die Leidenschaft lodert, solange die Begegnungen selten sind. Eine Frau erzählte mir, dass sie ihren Liebsten nur einmal im Jahr trifft und diese Begegnung zelebriert wie ein Fest. Sie wusste, dass nur die ungestillte Gier und die nicht erfüllte Sehnsucht das Begehren lebendig hält. Wenn Romeo und Julia zusammenwohnen, hören sie auf, einander „fremd“ und leidenschaftlich begehrenswert zu sein.

„Wir müssen wählen“, sagt Michael Mary, „zwischen einer Beziehung, die kurz und leidenschaftlich, oder einer, die lang und leidenschaftslos ist.“ Diese Alternative ist höchst unbeliebt. Wem auch immer ich diese Frage stellte, war schockiert. Die meisten Gesprächspartner sagten: „Ich will eine lange und leidenschaftliche Beziehung.“ Dies zeigt, wie unangefochten die heute gültige Theorie der Liebe ist, die sagt: Sexualpartnerschaft ist Lebenspartnerschaft. Es bedeutet gleichzeitig: Wird der Sex weniger leidenschaftlich, muss die Paarbindung zu Ende gehen.

Nach der Theorie der Liebesehe kann die erotische Spannung nicht an Intensität verlieren. Für das Schwinden der Lust muss es eine Ursache geben. Meistens wird der Andere verantwortlich gemacht: „Immer bist du so aufdringlich, so dick, so ungestüm, so kalt und lasch. Du bist schuld, dass ich dich nicht mehr begehrenswert finde!“ Die Lust währt ewig – sagt die Theorie – also kann nur der Andere schuld sein. Die Quelle des gegenseitigen Zornes sprudelt heftig und bitter. Sie zerstört, was an Sympathie noch übrig ist.

Woher kommt der Antagonismus von Vertrautheit und Begehren? Was ist hier genetisches Erbe und was ist sozialer und kultureller Einfluss? Auf diese Frage habe ich keine eindeutige Antwort gefunden. Wir beobachten, dass das Begehren den Abstand zum Gewohnten, Sicheren braucht. Allzu große Intimität und Vertrautheit wirkt dämpfend auf das sexuelle Verlangen. Begehren kann man nur, was man noch nicht hat oder selten hat.

Die verschiedenen Zeithorizonte von Begehren und Vertrautheit tauchen erst seit sehr kurzer Zeit als Problem auf. Die Betonung des Sexes entwickelte sich nach dem ersten Weltkrieg, also vor nur drei Generationen. Seitdem wird die Liebe zwar weiterhin als heiliges Gefühl gedeutet, aber gleichzeitig mit sexueller Anziehung identifiziert. Eine Beziehung ohne Leidenschaft gilt als suspekt! Wir haben heute die „Erlaubnis“ zu frühem Sex, zum Heiraten und zur Scheidung, zur ehelosen Lebensgemeinschaft und zur Besuchsehe, ganz zu schweigen von Clubs und Sex in Internet-chat-rooms. Wir dürfen alles, aber wir müssen auch! Nach der heute gültigen Paartheorie fragt der Therapeut seine Klienten erschrocken: „Was, Sie schlafen nicht mehr miteinander?“ und verordnet dies und das, in jedem Fall eine Paartherapie.

Der herrschenden Theorie zum Trotz wählen einige Zeitgenossen die Alternative „beständige Partnerschaft“ und nehmen eine geringere Leidenschaft in Kauf. Wenn sie kundige Pfadfinder im Leibes-Terrain des Anderen wurden, bleibt auch der Sex erfreulich. Solange sie füreinander interessant und anziehend sind – aus welchen nicht sexuellen Gründen auch immer – kann diese Lösung sehr befriedigend sein, besonders, wenn die Zärtlichkeit, sanfte Schwester der Leidenschaft, erhalten bleibt.

Für viele Menschen ist dieses Modell aber unbrauchbar, weil es der erotischen und, wie sie glauben, damit auch der menschlichen Spannung entbehrt. Sobald die Lust geringer wird oder eine Nebenliebe am Horizont auftaucht, ist ihre Lebensgemeinschaft einsturzgefährdet.

Die Lust auf den Fremden, die heimliche Liebe oder den Seitensprung gab es schon immer. Was es aber bis vor kurzem nicht gab, war das Gebot:
Lebenspartnerschaft ist Sexualpartnerschaft, und Sexualpartnerschaft ist Lebenspartnerschaft. Erst diese neue Philosophie zwingt jeden, Mann und Frau, Jung und Alt, zwischen der Lust auf den Fremden und der Zuneigung zum vertrauten Partner bewusst zu wählen.

Diese Wahl fällt uns schwerer, als es sich die Theoretiker der Liebe seit Romantik und Aufklärung träumen ließen. Am liebsten hätten Männer – und in Zukunft vielleicht auch Frauen – beides: Abwechslung im Sex und Beständigkeit in der Liebe. Hierzu möchte ich die Leserzuschrift eines Mannes (21 Jahre alt, von Beruf Koch) wiedergeben: „Warum soll man jeden Tag Pommes essen, wenn man auch Tortellini bekommen kann? Ich gehe fremd, weil es halt Spaß macht. Das ist doch kein Verrat an der Liebe. Damit hat Sex doch nichts zu tun. Meine Freundin darf auch machen, was sie will.“ Der junge Mann wirft die zurzeit gültige Liebesphilosophie über den Haufen. Immerhin gesteht der Mann seiner Freundin die gleichen Rechte zu, wie sich selbst.

Tortellini und Pommes – beides wollen – ist das die Lösung, die alle Partner fröhlich macht? Der Vorschlag ist keineswegs neu. Schon Charles Fourier (1772 1837) empfahl seinen Zeitgenossen freien Sex neben der Partnerliebe. Bisher wurden diese Konzepte kaum in die Tat umgesetzt. Partnertausch auf offener, gesellschaftlicher Bühne – das will bisher keiner. Wer Abwechslung will, macht einen Seitensprung, oder er beantragt die Scheidung. Diese Strategien sind uns vertraut, aber sie produzieren Leid und Eifersucht – kein Tortellini-Vergnügen!

Ist Ähnlichkeit und Vertrautheit bei der Bewältigung der Eifersucht hilfreich? In der Theorie schon, in der Praxis wird man oft überrascht. Etwa die Hälfte unserer Zeitgenossen würde einen Seitensprung niemals verzeihen, behaupten die Meinungsforscher. Danach müsste die andere Hälfte der Bevölkerung weniger eifersüchtig sein. Verstecken sich hier die Ähnlichen? Das hätte ich gern, aber wir wissen es nicht. Das Potential für Eifersucht ist auf jeden Fall gewachsen – einfach, weil die Gelegenheiten zugenommen haben und auch Frauen häufiger einen Seitensprung machen. Das erschüttert die Erde. Dieser Eifersucht wenden wir uns jetzt zu.

Bildquelle: Ozols, Jakob: Tod und Jenseits im Glauben der Völker, Hrsg. Hans-Joachim, Wiesbaden 1978, S. 21.

Dies ist eine Leseprobe aus dem Buch „Die Ehe: Seitensprung der Geschichte“ von Marie-Luise Schwarz-Schilling.