Leseprobe 2: Hammurabi oder die Ehe in Babylon


cover_ehe-seitensprung_2babylonHammurabi von Babylon (1793-1750) ist in unseren Geschichtsbüchern zu unsterblichem Ruhm gekommen, weil er Mesopotamien ohne allzu viel Blutvergießen eroberte und vereinte, weil er den ersten Verwaltungsapparat der Weltgeschichte und eine gut geschulte Armee schuf; am allermeisten aber, weil er den Archäologen steinerne Gesetzestafeln hinterließ, in denen auch die Ehe geregelt war. In den eroberten Städten ließ der König nämlich überall Obeliske auf den Marktplätzen aufstellen, in die der Kodex Hammurabi eingemeißelt war. Einer davon wurde im Jahre 1902 gefunden.

Seine Kriege führte auch Hammurabi nur nach der Erntezeit. Die jungen Leute empfanden die Feldzüge als spannende Abwechslung. Dass sie Waffen trugen, war ein sichtbares Zeichen ihrer Würde und wies sie als Angehörige der Landbesitzer aus. Nur Landbesitzer waren „offiziell zur Führung des Namen ‚Mensch‘ berechtigt“ Ich erwähne dies hier, weil der Gedanke, nur Soldaten sind Menschen, bis ins wilhelminische Deutschland verbreitet war. Hier wird die Männerbund-Idee auf den Punkt gebracht. Solange nur Soldaten Menschen sind, sind Frauen keine Menschen.

Nach dem ursprünglichen Ideal war diese Unterordnung möglicherweise eher mit der eines Vasallen vergleichbar. Deshalb ist es kein Widerspruch, dass wir auch zu Hammurabis Zeiten und später von der selbstständigen Geschäftigkeit von Frauen des Adelsstandes hören. Ihre eigenständige ökonomische Betätigung auf Rechnung des Mannes blieb weit länger erhalten, als es die Einschränkung der sexuellen Rechte erwarten lässt. Das babylonische Erbrecht, das Töchter über die Mitgift, an der sie lebenslangen Nießbrauch behielten, am Wohlstand des Vaters teilhaben ließ, begünstigte ihre ökonomische Tätigkeit. Sie diente jedoch eigentlich zur Mehrung des Mannesvermögens, denn die Frau wurde nie Eigentümerin ihrer Mitgift. Der Transfer erfolgte von Mann zu Mann, das heißt vom Vater zum Bräutigam und später zu den Söhnen des Ehepaares. Den Brautpreis, den der Bräutigam zu entrichten hatte, erhielt der Brautvater, der ihn in ärmeren Schichten verwendete, um wiederum seinem Sohn eine Braut zu kaufen.

Die Ungleichwertigkeit, die durch das Institut der Ehe entstand, spiegelt sich in den Scheidungsbestimmungen des Kodex Hammurabi. Schon die Anschuldigung, Ehebruch begangen zu haben, konnte einer Frau das Leben kosten. Wollte sie den Mann verlassen, so konnte er dies leicht verhindern. Der Ehemann dagegen brauchte nur einen Scheidebrief auszustellen und die Mitgift herauszugeben, um frei zu werden. Der Ehebruch des Mannes blieb ohne Folgen, allerdings sagt der Kodex Hammurabi, dass die Ehefrau ihn, wenn er es zu schlimm treibt, verlassen darf. Diese fundamentale rechtliche Ungleichheit setzte sich später im Mosaischen Recht fort und beeinflusste damit die Sitten der gesamten späteren christlichen Ökumene.

Dass die Ehe als Institution geschaffen wurde, um die Unterordnung der Frau zu erreichen, ist nirgendwo so deutlich abzulesen wie an diesen Scheidungsgesetzen. Sie unterstellen nämlich, dass die Frau nicht freiwillig in die Ehe geht und deshalb durch besondere Gesetze daran gehindert werden muss, die Ehe zu verlassen. Dieses Scheidungsverbot des Kodex Hammurabi, dessen Grundgedanken wir bereits siebenhundert Jahre früher bei Urukagina angedeutet finden, zeigt, dass drakonische Gesetze die Ehe schon in ihrer Frühzeit mit einem besonderen Schutz gegen selbstständige Tendenzen der Frauen zu verteidigen suchten.

Immerhin befassen sich von den 282 Gesetzen des Kodex Hammurabi 73 Gesetze mit Ehe und Sexualverhalten. Bei den bisher aufgefundenen 112 mittelassyrischen Gesetzen aus dem 15. bis 11. Jh. v.Chr. gelten 59 diesen beiden Themen. Dies zeigt, mit welchem Eifer die Könige auf die Einführung der strikten patriarchalischen Ehe drangen. Einige Assyrologen vermuten, dass Hammurabis Kodex eher die Wunschvorstellung des Königs als die Praxis des babylonischen Alltags schildert, in dem man durchaus noch älteren Sitten folgte. Aber gerade wenn der Kodex eher eine allgemeine Wertvorstellung als einen praktisch angewendeten Gesetzeskatalog darstellt, gibt dies einen Hinweis auf meine Vermutung, dass es weniger der einzelne Mann, sondern eher die Anführer des Männerbundes waren, die an der Durchsetzung der Ehe interessiert waren.

Der Mann als Mann und Mensch war mit Sicherheit auf die Ehe nicht sonderlich scharf, weil sie seine Freiheit einschränkte und ihn vor Ort festhielt. Der Mann als Krieger und Gefolgsmann gehorchte dem Befehl von oben, vielleicht der Karriere zuliebe. Ehe war ein politisches Instrument der Führer, um den Krieger auch in Friedenszeiten in eine hierarchische Struktur einzubetten, in der er selber der Herr sein konnte, aber auch für die Gefolgschaftstreue seiner Frau bürgte: Ein weiterer Pferdefuß aus der Sicht des einzelnen Mannes.

So wie früher die Frauensippe das Zentrum des Gemeinwesens war, ist dies jetzt das männliche Kollektiv. Freie Frauen sind für den inneren Zusammenhalt dieses männlichen Kollektivs eine starke Bedrohung, weil sie die Autorität der alten Sippenverfassung vertreten. Die politische Rivalität von Frauensippe und Männerbund entsteht durch grundverschiedene soziale Konzeptionen: Führung durch das Brauchtum und Beratung versus Führung durch abstrakte Kommandos, Sippe versus Staat, Blutsverwandtschaft versus Gefolgschaft. Mit dem Institut Ehe ist daher nicht nur ein Wandel in den Geschlechterbeziehungen eingetreten, sondern auch ein Wandel im Stil und Selbstverständnis der Gesellschaft, wenn auch zunächst nur in einem begrenzten geographischen Raum. Dies war den Beteiligten durchaus bewusst. Die Rivalität zwischen weiblicher, an der Blutsverwandtschaft orientierten Loyalität und männlichen Glaubenssystemen (“belief-systems“) wurde noch von Sophokles (496-406 v.Chr.) in seiner Tragödie „Antigone“ thematisiert. König Kreon verbietet Antigone, den Leichnam ihres Bruders zu bergen, weil dieser als Rebell und Landesverräter gestorben sei. Sippenrecht und Staatsraison schließen sich aus.

Die Unterordnung der Frau unter einen Mann – so lautet meine These – war eher ein Staatsziel als ein individuelles Ziel. Dies erklärt auch, warum die Stellung der Frau in den kleinen Feudalstaaten weit ebenbürtiger war als in späteren Gemeinwesen mit komplexem Staatsapparat. Solange der Staat noch auf dem Bündnis von Sippen oder Familien beruht, ist die Frau ein konstitutives Element der Machtbalance, sie wird gleichsam Mitglied des Männerbundes. Dies ist dem Inhaber der Zentralgewalt – sei es ein Häuptling, ein König oder ein Priester – ein Dorn im Auge. Feudale Familien lassen sich schlechter regieren als vereinzelte Untertanen, selbst wenn sie wohlhabend sind. Frauen der Aristokratie sind aus der Sicht der zentralen Herrscher unberechenbarere Vasallen als Männer, da ihre Treue und Loyalität anderen Gesetzen folgt als dem jeweiligen „männlichen” Staatsziel. Um sie sicher aus allen Stellvertreterpositionen zu entfernen, wird der Herrscher bestrebt sein, ihre Rechtsstellung immer weiter zu reduzieren.

Wir finden eine parallele Entwicklung später in Ostrom, bei den Merowingern und Franken, Sachsen und Saliern. Um „Familieneinflüsse“ auszuschalten, verschärfte die jeweilige Zentralgewalt die Ehegebote und reduzierte die Selbstständigkeit von Ehefrauen, wie sie zum Beispiel der Kaiserin Theodora von Byzanz (497-548 n.Chr.) oder der Kaiserin Adelheid (931-999 n.Chr.) als Witwe des Sachsenkaisers Otto I. noch zugestanden wurden.

Die Ehe ist kein singuläres Ereignis zwischen Mann und Frau, sondern Bestandteil der Hierarchiebildung in den ersten vom Krieg geprägten Gesellschaften. Die feudalen Muster, die sich aus der Kriegerhierarchie entwickelten, hatten die Funktion, Ordnung zwischen Ungleichen zu stiften, in erster Linie zwischen Siegern und Besiegten. Der Sieger war der Herr, der Besiegte Knecht oder Sklave. Auch der Sieger hatte einen Anführer über sich, der ihn bezahlte, dem er Gefolgschaft leisten musste, und dem er treu sein sollte. Er erwartete die gleiche Treue von seinem Knecht, den er seinerseits beschützte und ernährte. In dieser Kette von Dienst und Lohn gerieten Frauen auf die Seite der Knechte.

Bis zum heutigen Tage ist die Ungleichwertigkeit von Belang, die durch Hierarchie und Feudalismus entstand. Die Sippenordnung kam ohne wesenhafte Ungleichheit aus. Männer haben die Ungleichwertigkeit erfunden, sie strategisch angewendet und später zum kosmischen Gesetz erklärt. Wir sprechen hier von einer Ungleichheit, die nichts mit Leistung, Begabung oder Reichtum zu tun hat, sondern mit den Interessen der Führer, denen es gelang, dieser Ungleichheit eine schicksalhafte, „karmische“ Dimensionen zu geben: Götter – Männer, Frauen – Sklaven, Schwarze – Weiße.

Das Gemeinwesen, der Stamm und die Ahnen, hatten immer schon sakrale Bedeutung. Die neue Metaphysik des Staates geht weit über diese Funktion hinaus. Die Stadt oder der Staat bekam eine spirituelle Qualität, der Krieger starb mit dem Wort „Uruk“, „Mari“, „Karthago“ oder „Rom“ auf den Lippen. Die Spiritualisierung des Gemeinwesens ist uns heute keineswegs fremd. In Europa war sie mit dem Begriff „Nation“ oder „Vaterland“ verknüpft. Das Recht des Stärkeren hat dadurch eine Weihe bekommen, und dies ist bis heute so geblieben.

Eine der wichtigsten Folgen der Ehe ist, dass Ehefrauen nicht nur sozial abhängig werden, sondern dass gleichzeitig ihre Sexualität latent kriminell wird. Der Verdacht, sexuell „untreu“ und damit „unrein“ zu sein, wird zum mächtigsten „Beweis“ dafür, dass die Frau von Natur aus minderwertig ist.

Mit Leibfeindlichkeit und Prüderie bezahlten nicht nur Frauen, sondern auf Dauer die ganze Gesellschaft einschließlich der Männer mit ihrer notorischen Angst vor dem weiblichen Sex. Unvermeidlich war diese Phobie nicht, nicht einmal zur Errichtung der männlichen Dominanz. Dies zeigt sich an der anderen großen Hochkultur neben Babylon, Ägypten. Ägypten ging einen anderen Weg, auf dem Frauen nicht zu minderwertigen Wesen degenerierten. Wie war es in Ägypten?

Dies ist eine Leseprobe aus dem Buch „Die Ehe: Seitensprung der Geschichte“ von Marie-Luise Schwarz-Schilling.