Leseprobe 1: Der Gesellschaftsvertrag vor der Ehe


ehe-seitensprung_1_gesellschvertagWer wissen will, wo die Ehe herkommt – und wo sie nicht herkommt – muss bis in die ehelose Zeit zurückgehen. Deshalb wenden wir uns jetzt der Eiszeit zu, dem Paläolithikum und später dem Neolithikum. In diesen Perioden gab es keine Ehe, wobei ich unter Ehe zunächst ganz allgemein die lebenslange Zuordnung einer Frau zu einem Mann verstehe. Die Periode, die wir hier im Blick haben, umfasst immerhin 96000 Jahre der hunderttausendjährigen Menschheitsgeschichte. Dass unsere Spezies die längste Zeit ihrer Existenz ohne Ehe auskam, mag überraschen.

Mutter-Kind-Dyade

Wie sah die soziale Ordnung vor der Einführung der Ehe aus? Wir treffen bei dieser Frage noch immer auf erhebliche Vorurteile: Anders als in Familien gegliedert können sich viele Leute und Fachleute die Vor- und Frühzeit nicht vorstellen. „Familie“, das sind ein Mann, seine Frau und seine Kinder. Diese Familie sei das Rückgrat der Urgesellschaft – so wird unterstellt – und Ehe sei ihrerseits das Rückgrat der Familie, als der ursprünglichsten und natürlichsten Organisationsform der Menschheit. Noch ganz unbekümmert behauptete René König in den siebziger Jahren, Familie und Ehe seien älter als die menschliche Kultur. Genau dies ist nach heutiger Kenntnis falsch. Neuere Forscher, Anthropologen ebenso wie Soziologen, gehen vielmehr von der Mutter-Kind-Dyade als Kern der menschlichen Kleingruppe aus. Hartman Tyrel etwa spricht von der Mutterschaft und Geschwisterschaft als Kristallisationskern jeder familial-verwandtschaftlichen Institutionenbildung. Seiner Meinung nach stammt die Mutter-Kind-Einheit aus einer viel älteren Tradition als die Ehe. Der bekannte Paläontologe Richard Leakey sagt das so: „Die Zeit des Aufziehens von Kindern schließt zugleich deren Abhängigkeit von einem Erwachsenen ein, und daraus ergibt sich ohne jede Ausnahme, dass die Grundlage aller sozialen Gruppen unter Primaten die Bindung zwischen Mutter und Kind ist. Diese Bindung begründet die soziale Einheit, auf der alle höheren Gesellschaftsordnungen aufbauen.“

Dass die menschliche Kindheit doppelt so lange währt wie die unserer nächsten Verwandten, der Affen, gibt der Mutter-Kind-Dyade ein Gewicht, das über die im Vergleich viel kürzere sexuelle Bindung an einen Mann weit hinausreicht. Deshalb wurde nicht die Mann-Frau-Beziehung, sondern die Mutter-Kind-Dyade zur Grundlage einer dauerhaften sozialen Organisation. Die kurze sexuelle Bindung an einen Mann hätte zu einer umfassenden Gemeinschaftsbildung nicht ausgereicht. Die feste Bindung gilt nicht nur für die Mutter, sondern auch für die Jungen, denn der Anteil der Lebensphase, die sie bei der Mutter verbrachten, war bei einem durchschnittlichen Lebensalter von um dreißig Jahren (Frauen 27, Männer 34 Jahre) viel größer als heute.

Die soziale Einheit, in der die Mutter-Kind-Dyade eingebettet war, nenne ich hier Sippe. Eine Sippe wurde nicht von Mann und Frau als Sexualpartner gebildet, sondern sie bestand aus einer Gruppe von Blutsverwandten, die von einer Ahnin abstammten. Blutsverwandtschaft zählt bis weit in das klassische Altertum hinein allein in weiblicher Linie, also über Mütter. Ahnin, Mütter, Mutterbrüder, Töchter, Brüder und die Kinder der Töchter lebten in einer Sippe. Zum Geschlechtsverkehr „wanderten“ die Brüder zu anderen Sippen und besuchten ihre Gefährtinnen. Sie folgten dem Gebot der Exogamie.

Herrschaft ohne Sexualität

Kommt uns das bekannt vor? Könnten aus dieser fernen Vergangenheit noch heute einige Verhaltensmuster in uns schlummern? Dass die Männer so viele Jahrtausende zum „Wandern“ gedrängt wurden, wäre eine fabelhafte Begründung für den berühmten männlichen Appetit auf sexuelle Abwechslung. Notorisch untreue Männer brauchen zur Entschuldigung nur auf die Wanderlust verweisen, zu der sie in grauer Vorzeit erzogen wurden. Haben Männer etwa die Neigung zum Partnerwechsel in der Sippenzeit „erlernt“ und dann weitervererbt – so wie es Jean-Baptiste de Lamarck (1744–1829) für möglich hielt? Oder waren Männer einfach immer schon die geborenen Wanderburschen wie bei Charles Darwin? Oder, dritte Möglichkeit, hat die Frage des Paarungsverhaltens mit dem Erbe nichts zu tun, sondern nur mit dem Einfluss der jeweiligen kulturellen Umwelt und ihren Machtverhältnissen? Die verschlungenen Pfade zwischen Angeborenem und Erlerntem werden hier noch öfter behandelt.

Die Frau war einst nicht nur in der Wahl des Partners frei – heute ist sie dies nur in den westlichen Ländern –, sondern ihr persönlicher Rang in der Sippe wurde durch ihren Freund nicht beeinflusst. Sie blieb selbst für ihren Platz in der Dominanz-Hierarchie zuständig, während sie heute ihren sozialen Rang durch den Ehemann erhält. Ein Kind wurde selbstverständlich Bestandteil der mütterlichen Sippe. Der Mann war für die Kinder seiner Schwester verantwortlich, nur mit ihnen war er blutsverwandt. Die Bedeutung des Mutterbruders als Bezugsperson blieb in einigen Teilen Europas bis ins Mittelalter erhalten.

Entscheidend an der Sippenordnung und der Exogamie war nicht in erster Linie, dass die Frauen selbstständiger oder freier waren – waren sie nicht, denn jede Frau war ganz und gar von den Sippenältesten abhängig –, sondern dass Männer die Frauen nicht über die Sexualität beherrschen konnten, obwohl sie dazu physisch in der Lage gewesen wären. Männer bestimmten vermutlich sehr wohl auch in der Sippe, aber als Brüder, mit denen Geschlechtsverkehr tabu war. Die Vermeidung von Herrschaft durch Sex war das wichtigste Resultat der Exogamie.

Werfen wir einen Blick auf heute:

Unsere Kerngruppe, die Familie, beruht auf der sexuellen Beziehung von Mann und Frau, einer im Vergleich zur Blutsverwandtschaft eher labilen Bindung. Die Sippe als soziale Kerngruppe dagegen konnte durch sexuelle Leidenschaften nie in Gefahr gebracht werden, ganz im Unterschied zu heutigen Familien, die leicht zerbrechen, wenn Lust und Liebe enden. Für Mütter und Kinder war „Sippe“ ein gefahrloserer und beständigerer sozialer Ort als die Familie. Es ist unwahrscheinlich, dass die Ältesten und Schamanen damals schon wussten, dass bei Inzest Erbkrankheiten entstehen, aber es ist wahrscheinlich, dass sie wussten, wie gefährlich Herrschaft durch Sexualität ist.

Dies ist eine Leseprobe aus dem Buch „Die Ehe: Seitensprung der Geschichte“ von Marie-Luise Schwarz-Schilling.